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Ergotherapie auf dem Land

ergotherapeutische Versorgung in brandenburgischer Idylle

Vor ca. einem Jahr zog ich in eine ländliche Idylle Brandenburgs. Dass ich dadurch einen längeren Fahrtweg zur Arbeit in die Ergotherapie-Praxis Bohmann hatte, nahm ich in Kauf.

Schneller als erwartet knüpfte ich neue Kontakte, auch die Ärztin, die die Region hausärztlich versorgt, gehörte dazu. Sie erfuhr, dass ich Ergotherapeutin bin und fragte mich, ob ich nicht in der Region Hausbesuche machen könne. Es gäbe einige Patienten, die Bedarf haben, aber es gibt hier niemand, der sie versorgt.

Nun, das reizte mich schon, aber es ist nicht der Einzugsbereich der Praxis Bohmann und es ist zudem ein anderes Bundesland.

Dies sollte aber kein Problem darstellen, hieß es vom DVE, dem deutschen Verband für ErgotherapeutInnen. Und so werden nun die Patienten auf dem Land ergotherapeutisch versorgt.

Schnell eilte mir ein kritischer Ruf voraus, wie „die aus Berlin“ hier mit den Leuten arbeiten würde. „Sicher nähme sie auch Berliner Preise“. Inzwischen hat sich wohl herumgesprochen, dass ich dem einen oder der anderen schon etwas helfen konnte und die gesetzliche Zuzahlung nicht höher ist als in Berlin.

Die Unterschiede zur Arbeit in Berlin sind vielschichtig. Zunächst darf man keine Angst vor Hunden haben. Fast jedes Zuhause meiner Patienten wird von einem Vierbeiner lautstark bewacht. Und ich muss mich von der Gartenpforte zur Haustür, an der meist ein Schlüssel für mich steckt, darauf verlassen, dass sie mich nicht als bösartigen Eindringling einstufen.

Die Erkrankungen meiner betagten Patienten zeugen meist von schwerer körperlicher Arbeit. Verschleißerscheinungen an Schultern, Armen und vor allem an den Händen zeigen die Spuren von Landwirtschaft oder schwerer Maschinenarbeit. Meiner Aufforderung z.B. die Arme locker neben dem Körper hängen zu lassen, kann kaum jemand folgen.

Das Ziel fast jeder ergotherapeutischen Behandlung „Selbständigkeit zu erhalten b.z.w. zu verbessern“ spielt hier meist eine existenzielle Rolle. Meist versorgt man sich aus dem eigenen Garten und hat über den Hund hinaus noch weitere Tiere zu versorgen.

So sind die meisten für Hilfsmittel aller Art oder Kompensationstechniken sehr dankbar. Nur einmal habe ich die Beratung in dieser Hinsicht zurückgestellt, als mir eine allein lebende sehr betagt Patientin berichtete, sie gehe immer zu ihrer Nachbarin, um Flaschen und Gläser öffnen zu lassen. Ihr ganz leicht verschmitztes Lächeln dabei verriet mir, dass sie das wohl recht gerne macht und so einen Anlass hat, den Kontakt sehr regelmäßig zu pflegen. Da sie dadurch ja auch das Haus verlassen muss und sich an der frischen Luft bewegt, stelle ich die Hilfsmittelberatung der Förderung der sozialen Kontakte und dem Erhalt ihrer Mobilität nach.

Wenn ich eine neue Verordnung bekomme, schreibt die Ärztin mir eine E-mail, in der sie mir von den neuen Patienten berichtet. Natürlich erfahre die Diagnose, aber sie schreibt auch über den Menschen, das Umfeld, ihren Eindruck von der Situation. Das hat mich doch sehr beeindruckt. Meist hat man nur die Verordnung in der Hand und kennt den Arzt nur vom Stempel darauf. Diesen dann persönlich zu sprechen, ist meist ein schwieriges Unterfangen.

Die Ärztin und ich sind regelmäßig in Kontakt und tauschen uns aus.Es gibt weitere Menschen, die sie bei der häuslichen Versorgung der Patienten unterstützen. Eine Krankenschwester, eine Frau, die eine Art psychosoziale Begleitung anbietet, wie sie bei sehr einsamen und auch schwer kranken und/ oder palliativen Patienten nötig ist und eine Physiotherapeutin.

Im nächsten Monat werden wir uns zusammen setzen und uns austauschen.Ich finde es großartig , ein Teil von diesem Netzwerk zu sein.

Und vor zwei Wochen begab sich noch folgende Situation: eine Mitarbeiterin des hiesigen Pflegedienstes fragte, ob sie mal bei meiner Arbeit mit einem gemeinsamen Patienten dabei sein dürfe, um sich mein Handling mit ihm anzusehen.Ich staune und freue mich.

Und zuletzt hat natürlich auch die Zeit zwischen den einzelnen Hausbesuchen eine andere Qualität als in Berlin: wunderschöne Landschaft, Parkplatz direkt vor dem Haus und keine einzige Ampel.

Inga Schewe

 

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