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Perfetti 1
Perfetti 2

Inhalt

  1. Einführung und Grundgedanke des Perfetti-Konzeptes
  2. Für welche Krankheitsbilder kommt eine Behandlung nach dem Perfetti- Konzept in Frage?
  3. Die Anforderungen an die Patienten/innen
  4. Spezifische motorische Pathologie von Menschen mit Hemiplegie nach Perfetti (sog. Spastizität)
  5. Aufbau und Verlauf der Therapie
  6. Die Übungen

1. Einführung und Grundgedanke des Perfetti-Konzeptes
Das Perfetti Konzept ist nach dem italienischen Arzt, Klinikleiter und Professor Carlos Perfetti benannt, der in Schio Chefarzt einer Rehabilitationsklinik ist und die grundlegenden Elemente des Konzeptes kreiert hat.
Professor Perfetti und sein Team arbeiten heute noch richtungsweisend, besonders was die Verbindung von Forschung und Wissenschaft und die folgende Umsetzungen der neuesten Forschungsergebnisse in die Praxis anbelangt.
Ausgangspunkt für die Entwicklung des Konzepts war die Unzufriedenheit Prof. Perfettis mit der Rehabilitation von Menschen mit Hemiplegie, und besonders deren Hände. Er und sein Team fragten sich, warum nach einem Schlaganfall gerade bei der Rehabilitation der Hand und des Armes gegenüber der unteren Extremität so geringe Fortschritte erzielt wurden. 1970 begannen er und sein Team mit grundlegenden Überlegungen und kritischer Forschungsarbeit. Welchen Unterschied gibt es in der Funktion und Aufbau der Hand gegenüber der unteren Extremität? Welche Rolle spielt die Sensibilität in der Entwicklung und Rehabilitation der Hand? Welche Rolle spielen Aufmerksamkeit und kognitive Prozesse?

Ziel der Therapie nach Perfetti ist die Reorganisation des Nervensystems, dass sich nach Einwirken einer Schädigung in einem pathologischen Zustand befindet. Die Reorganisation des Systems findet zuerst im Gehirn statt und führt letztlich zu einer Veränderung im Bereich der Muskelkontraktionen. Die Patienten/innen sollen Strategien lernen, die es erlauben, erneut so normal wie möglich zu handeln und wieder bestmöglichste physiologische Bewegungen auszuführen.

Basis des Konzeptes der kognitiv-therapeutischen Übungen von Prof. C. Perfetti bildet eine systemische Anschauungsweise. Diese besagt, dass der Mensch als ein komplexes System angesehen werden soll. Das bedeutet, dass menschliche Fähigkeiten wie Bewegung, Wahrnehmung und kognitive Leistungen nicht isoliert betrachtet und behandelt werden dürfen. Sie bilden eine funktionelle Einheit. Eine therapeutisch geführte Reorganisation anzustreben bedeutet, gezielte Veränderungen des Systems hervorzurufen. Diese Prozesse basieren auf den Plastizitätseigenschaften des Nervensystems. Der Begriff Plastizität bezieht sich auf die Möglichkeit der Nervenzellen, ihre Interaktion miteinander zu verändern. Damit wird den Menschen eine enorme Breite von Erfahrungen und Wahrnehmungen möglich, schließlich ist alles, was wir lernen, fühlen, erinnern und tun das Ergebnis solcher Interaktionen. Die neurologische Rehabilitation wird als Lernen unter pathologischen Bedingungen definiert.

Die Wahrnehmung stellt einen wichtigen Teil der Bewegung dar. Bei der Bewegung bildet die Muskelkontraktionen das letzte Glied. Um letztendlich die Muskelkontraktion zu erlangen, regt man, mit Hilfe der gezielten Aufmerksamkeit, die kognitiven Prozesse an. Dank dieser aktiven Prozesse lernen die Patienten/innen, die Komponenten der sogenannten Spastizität nicht entstehen zu lassen bzw. eigenständig zu kontrollieren.

2. Für welche Krankheitsbilder kommt eine Behandlung nach dem Perfetti-Konzept in Frage?
Die kognitiv-therapeutischen Übungen können bei neurologischen Erkrankungen z.B. nach Schlaganfall, Schädelhirntrauma, MS, Gehirntumoren aber auch bei M. Parkinson sowie bei orthopätischen-traumatologischen Erkrankungen angewandt werden.

3. Die Anforderungen an die Patienten/innen
Die Reorganisation des Systems soll durch die Aktivierung programmierter Lernprozesse geschehen, was aktive Denkprozesse der Betroffenen erfordert. Ohne Aufmerksamkeit ist dies nicht möglich, daher ist eine aktive und gerichtete Aufmerksamkeit der Patienten/innen von zentraler Bedeutung.

Die Patienten/innen nehmen durch den Einsatz ihrer rezeptionellen Oberflächen (z.B. Finger) Informationen auf, die zur Lösung sensomotorischer Probleme eingesetzt werden sollen. Wesentlich ist dabei, dass die Betroffenen im Rahmen eines gestellten Problems überprüfen sollen, ob Erwartungen (perzeptive Hypothesen) verglichen mit dem tatsächlichen Erreichen zu einer Lösung des Problems führen.

Nicht mehr der/die Therapeut/in soll fazilitierend oder inhibierend eingreifen, sondern der/die Patient/in soll lernen, Denkprozesse einzusetzen, um die pathologischen Elemente selbst kontrollieren zu können.

4. Spezifische motorische Pathologie von Menschen mit Hemiplegiker nach Perfetti (sog. Spastizität)
Der Begriff der Spastizität ist für eine zielgerichtete und effektive Behandlung motorischer Defizite zu unspezifisch.
Wesentlich ist, laut Perfetti, dass nicht die Spastizität, sondern die dazu führenden pathologischen Elemente behandelt werden.

Diese Elemente sind:
a) Rekrutierungsdefizit motorischer Einheiten, z.B. ein Finger kann nicht oder nur unvollständig angehoben werden. Die Bewegung kann verlangsamt und/oder mit hoher Anstrengung verbunden sein.
b) Abnorme Reaktion auf Dehnung, z.B. bei passiver Dehnung des Zeigefingers tritt ein Widerstand auf.
c) Abnorme Irradiationen, z.B. die willentlich hervorgerufene Kontraktion (Zusammenzug) einer Muskelgruppe bewirkt eine Kontraktion einer anderen Muskelgruppe, die mit jener funktionell verbunden ist.
d) Abnorme Bewegungsschemata; in diesem abnormen Bewegungsschemata treten z.B. stereotype globale Bewegungsmuster der betroffenen Körperbereiche auf. Hierzu zählt der klassische Gang eines unbehandelten Menschen mit Hemiplegie, der sich durch unphysiologische Bewegungen und ungünstige Bewegungsmuster auzeichnet.

5. Aufbau und Verlauf der Therapie
Wie bei allen Therapien wird zuerst ein Befund erhoben. Neben den physischen Defiziten spielen auch die neuropsychologischen Probleme eine Rolle. Mit einer speziell durchgeführte Befunderhebung werden sensomotorische Defizite und mögliche Sensibilitätseinschränkungen genaustens beurteilt. Auf Grundlage dieser Beurteilung wird eine Prognose (Endziel) erstellt. Sie wird funktionell formuliert und sagt aus, welche motorischen Fähigkeiten der/die Patient/in (ohne pathologische Elemente) erlangen soll und wie diese ausgeführt werden sollen (z.B. normale Geschwindigkeit, Flüssigkeit, verlangsamt etc.). Die Prognose muss das Ziel und der rote Faden der Therapie sein. Nur dadurch kann festgestellt werden, ob wir mit den Übungen richtig liegen oder einen falschen Ansatz haben. Nach vier bis sechs Wochen muss das Endziel, dass sehr klar und deutlich formuliert wurde, überprüft werden. Dazu dienen vorher festgesetzte Zwischenziele. Sie bilden die Etappen, die notwendig sind, um das Endziel zu erreichen.

6. Die Übungen
Die Übungen werden in 3 verschiedene Übungsgrade eingeteilt. Bei den Übungen des ersten und zweiten Übungsgrades hält der/die Patient/in die Augen geschlossen, damit primär taktil-kinästhetische Informationen (über die Oberflächen- und Tiefenwahrnehmung) aufgenommen werden können. Der dominierende visuelle Kanal wird ausgeschaltet, damit nicht auf unerwünschte Kompensationsmechanismen ausgewichen wird. Zudem wird dadurch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die gestellte Aufgabe gefördert. Es muss nicht in verschiedenen Körperbezirken mit demselben Übungsgrad gearbeitet werden. Sie werden vielmehr dem jeweiligen vorherrschenden pathologischen Element angepasst. Das heißt, man kann im Bereich der oberen Extremität Übungen im ersten Grad ausführen und im Bereich der unteren Extremität Übungen im zweiten oder dritten Grad. Die Komplexität der Übungen wird permanent den aktuellen Lernmöglichkeiten des/r Patienten/in angepasst.

1. Übungsgrad:
· Kontrolle der abnormen Reaktion auf Dehnung

· Überwinden von Sensibilitätsdefiziten

· Rekrutierung von motorischen Einheiten

– ohne visuelle Kontrolle

– Bewegungsausführung erfolgt ausschließlich durch Therapeut/in

– Patient/in löst die mit den Bewegungen verbundenen kognitiven Aufgaben

2. Übungsgrad:
· Kontrolle über abnorme Irradiationen

· Rekrutierung von motorischen Einheiten

– ohne visuelle Kontrolle

– Bewegungsführung durch Therapeut/in wird zunehmend abgebaut, d. h. der/die Patient/in soll die ihm zur Verfügung stehende Motorik zunehmend selbst aktivieren ohne abnorme Irradiationen entstehen zu lassen

– Der/die Patient/in lernt Bewegungen zu dosieren. Dabei stehen die Elemente Zeit und Krafteinsatz im Vordergrund

3. Übungsgrad:
· Kontrolle der abnormen Bewegungsschemata bei der Ausführung von
willkürlichen Bewegungen

· abgestimmte Koordination motorischer Einheiten (mehrerer Muskelgruppen)

· Optimierung der Bewegungsbahn

– mit visueller Kontrolle
– Unterstützung durch Therapeut/in wird weiter abgebaut
– Patient/in lernt das Auftreten von einfachen Gesamtantworten des Systems (abnorme Bewegungsschemata) zu vermeiden
– Es wird eine koordinierte Kontraktion motorischer Einheiten verschiedener Muskelgruppen angestrebt; Dies ist eine der wichtigsten Voraussetzungen zum Wiedererlangen physiologischer Bewegungsabläufe

 

Quellenverzeichnis: – C. Perfetti „Der hemiplegische Patient“ Pflaum Verlag – M. Conti „Skript/Kognitiv-therapeutische Übungen“

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