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Ergotherapie bei COPD – Ein Patientenbeispiel

Ich lerne Herrn B. im Dezember letzten Jahres bei seinem Einzug in ein Beatmungszentrum, einer Form des betreuten Wohnens, kennen. Er ist Anfang sechzig und hat einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt hinter sich. Bedingt durch eine Lungenentzündung kam es zum körperlichen Zusammenbruch. Die Diagnose COPD ist erst seit diesem Ereignis bekannt. Seine gesundheitliche Vorgeschichte betreffend sind eine berufliche Exposition mit schädigenden Gasen, sowie langjähriges Rauchen bekannt.

Herr B. trägt ein Tracheostoma – eine operativ angelegte Öffnung der Luftröhre, welche durch eine Trachealkanüle offengehalten wird – und wird zeitweise maschinell beatmet. Er ist insgesamt sehr geschwächt, leicht untergewichtig, kann aber ohne Hilfe aus dem Bett aufstehen und sich in einen Stuhl umsetzten.

Schon während des ersten orientierenden Gesprächs beginnt der Befundungsprozess, in dessen Verlauf ich das COPM (Canadian Occupational Performance Measure, ein betätigungsorientiertes, klientenzentriertes Assessment) und die Interessencheckliste des MOHO (Model of Human Occupation) hinzuziehe, um Ziele, Ressourcen und Probleme aus seiner Sicht identifizieren zu können.

Folgende Probleme werden deutlich: ein starkes Kraftdefizit, sowie eine geringe Ausdauer und Belastbarkeit, welche sich auf alle Lebensbereiche auswirken.

Privat belastet ihn die derzeitige Kündigung seiner Wohnung. Ursächlich sind dafür zum einen finanzielle Gründe und zum anderen, dass die Wohnung nicht behinderten-, bzw. altersgerecht ist und somit eine Rückkehr dorthin ausgeschlossen ist.

Daraus ergibt sich sein Hauptziel, an dem alle beteiligten Berufsgruppen (Arzt, Pflegepersonal, Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie, Atemtherapie) mit ihm arbeiten: der Einzug in eine eigene, passende Wohnung.

Als kurzfristige Ziele für die Ergotherapie legen wir das selbständige Gehen am Rollator, sowie die Steigerung seiner Selbständigkeit, bezogen auf die grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens, wie z.B. Körperhygiene, Anziehen etc., fest.

Es wird ein Therapieplan erstellt, der unter anderem folgende Schwerpunkte enthält: Kraftaufbau, Steigerung von Ausdauer und Belastbarkeit, Schulung der Selbstwahrnehmung (z.B. Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen, Pausen einlegen, gut für sich sorgen, bewusst atmen, bewusst essen) und Teilnahme am gesellschaftlichen Miteinander (Teilnahme an Gruppenaktivitäten, Spaziergänge in die nähere Umgebung usw.).

Herr B. verfügt über einige wichtige Ressourcen, welche ihm beim Erreichen seiner persönlichen Ziele unterstützen. Das sind in erster Linie ein starker Wille zur Wiedererlangung seiner Selbständigkeit, um in die eigene Häuslichkeit zurückkehren zu können und seine relative Mobilität. Eine weitere wichtige Ressource ist seine Tochter, welche ihn bei der Regelung sämtlicher Angelegenheiten (behördlich, organisatorisch, finanziell usw.) unterstützt.

Das Gehtraining am Rollator beginnen wir mit einigen Schritten im Zimmer. Nach einiger Zeit findet es auf dem Gang statt. Später erfolgen kleinere Spaziergänge in die Umgebung, wobei vorher für ihn noch eine Hemmschwelle zu überwinden ist.

Des Weiteren werden ihm regelmäßig gymnastische Übungen zum Kraftaufbau und zur Verbesserung der Beweglichkeit angeboten.

Während der Therapie besteht viel Gesprächsbedarf, vor allem zum Thema Leben in der eigenen Wohnung. Es erfolgt eine Beratung zur Wohnraumanpassung und eine Verständigung darüber, was er bis zum Umzug können muss. Beispielsweise sind ca. 10 Stufen bis zur Wohnungstür zu überwinden. Zu diesem Zweck wird ein Treppentraining durchgeführt.

Auch sein Lebensstil wird mehrfach thematisiert. Bisher war ihm z.B. das regelmäßige Einnehmen von Mahlzeiten nicht besonders wichtig. Er lebte allein und aß oft unterwegs, oder nur eine Kleinigkeit zu Hause. Aufgrund der Tatsache, dass sich eine Mangelernährung negativ auf seine körperliche Verfassung und damit auf seine Belastbarkeit auswirkt, wird mit ihm die Wichtigkeit einer regelmäßigen und ausgewogenen Ernährungsweise erörtert.

Medizinische und pflegerische Maßnahmen führen unter anderem dazu, dass sich sein Körpergewicht erhöht und er sich allmählich von der maschinellen Beatmung entwöhnt, was sein Organismus gut toleriert. Auch die Sauerstoffgabe kann im Verlauf verringert werden. Als abschließende medizinische Maßnahme erfolgt die Entfernung der Trachealkanüle.

Schließlich kann im April der Umzug in seine neue Wohnung erfolgen. Er erhält ein stationäres Sauerstoffgerät für den Hausgebrauch, sowie ein transportables System für unterwegs. Er verfügt über einen Rollator und eine dazugehörige kleine „Garage“ vor dem Eingangsbereich seines Hauses. Seine regelmäßige Ernährung wird durch einen mobilen Mittagstisch gewährleistet.

Um ihm die Übergangszeit zu erleichtern, erhält er noch einige Wochen ergotherapeutische Betreuung im Hausbesuch. Diese beinhaltet einerseits Gespräche über bestehende Hürden und Hindernisse und deren Bewältigungsmöglichkeiten. Andererseits werden konkrete Tätigkeiten trainiert, wie z.B. das Handling der verschiedenen Sauerstoffgeräte, oder das Erledigen kleinerer Besorgungen. Ebenso werden Aktivitäten gemeinsam geplant und im Vorfeld besprochen, wie z.B. der Besuch eines Bürgeramtes zur Ummeldung des Wohnsitzes.

Der Anfang ist gemacht. Jetzt muss sich zeigen, ob es ihm gelingt, sein Leben auf Dauer eigenständig zu meistern. Dafür wünsche ich ihm viel Durchhaltevermögen, Glück und alles Gute!

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