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Die Prüfungen in der Ergotherapie aus Sicht einer Prüferin

Es ist jedes Mal wieder aufregend, wenn in unserer Ergotherapiepraxis die Auszubildenden ihre praktische Patientenprüfung ablegen. In diesem Jahr hatten wir sogar 4 Prüflinge von zwei unserer Kooperationspartner-Schulen (Spandau und Buch): zwei im Bereich Pädiatrie und zwei im motorisch-funktionellen Bereich an Patienten mit orthopädischen Krankheitsbildern.

Zum Ablauf:

Wenn wir uns als Praxis bereiterklären, Prüfungen bei uns abzunehmen, heißt es als Erstes, Klienten zu finden, die für die Prüfungen in Frage kommen: Sind sie im Prüfungszeitraum noch in Behandlung? Sind sie zeitlich entsprechend der Prüfungstermine verfügbar? Ist das Krankheitsbild komplex genug, damit die Prüflinge ihre ganzen erlernten Kompetenzen zeigen können? Haben diese Klienten die Bereitschaft, sich einer Prüfung zur Verfügung zu stellen, bzw. ihr Kind?

Beim letzten Punkt kann ich nur für das große Entgegenkommen unserer Klienten danken, uns dabei zu helfen, qualifiziertes Fachpersonal auszubilden.

Sind die Klienten gefunden, werden für den 14-tägigen Prüfungszeitraum von uns schon mehrere Termine pro Woche für die Prüflinge gemacht, die im individuellen Prüfungstermin gipfeln. Erst wenn die Prüflinge am Beginn ihres Prüfungszeitraumes bei uns erscheinen, bekommen sie von uns die jeweiligen Klienten zugewiesen. Dann müssen sie völlig selbständig einen ausführlichen Befund erstellen, die Behandlungen planen und durchführen.

Die einzige Hilfe, die wir ihnen geben dürfen, sind gute Arbeitsbedingungen, d.h. z.B. freie Raumwahl, Zugriff auf alle Therapiematerialien, …..immer frischer Tee und Kaffee und allgemeine auflockernde und aufmunternde Worte.

Zu Beginn der zweiten Prüfungswoche müssen sie dann einen ausführlichen Bericht mit Anamnesen, Befund, Therapiezielen, Gesamttherapieplanung und minutiöser Planung der Prüfungsstunde in ihrer Ausbildungsstätte und bei uns abgeben……dann beginnt die Hauptarbeit der Prüfer: ganz genau durchlesen, bewerten, mit dem anderen Prüfer absprechen, Fragen dazu formulieren.

Die Prüfung:

Der Prüfling begrüßt den Klienten (und Eltern) und stellt uns Prüfer vor: Erstprüfer (Lehrerin der Schule) und Zweitprüfer (erfahrener Therapeut, meist ich….mich kennen die Klienten meist schon) und erklärt, dass von uns nur sein Tun beobachtet wird. Dann wird nach allen Regeln der Kunst eine Therapiestunde durchgeführt. Wir müssen alles nach bestimmten Kriterien protokollieren und dann bewerten.

Nach der Stunde hat der Prüfling Zeit, seine Stunde noch einmal Revue passieren zu lassen und seine Reflexion vorzubereiten. Währenddessen beraten wir uns über die Stunde und formulieren Fragen. Dann soll der Prüfling seine Behandlung reflektieren. Das ist ein sehr wichtiger Teil der Prüfung, in dem der Prüfling eventuell gemachte kleine Fehler als solche beschreiben kann und eine andere Vorgehensweise vorschlägt. Dadurch ist es ihm möglich, alles wieder zum Positiven zu korrigieren.

Der Prüfling wird dann auch noch eingehend befragt: Warum haben Sie gerade dieses Mittel gewählt? Was würden Sie in der nächsten Behandlungseinheit machen? Wie können Sie ganz konkrete Alltagstätigkeiten einsetzen? usw usw

Zusammen mit der Reflexion zeigt sich dann, ob der Prüfling verstanden hat, wie er ganz individuell mit seiner Behandlung dem Klienten zu einer erhöhten Alltagskompetenz verhelfen kann……. wie Ergotherapie funktioniert!

Dann beraten wir Prüfer uns wieder, legen die Note fest (was manchmal einer intensiven Diskussion bedarf) und gratulieren dem Prüfling zur bestandenen Prüfung (die Note wird erst Wochen später bekannt gegeben, wenn alle Prüfungen durchlaufen sind).

…und durch die intensive gute Ausbildung (….nicht zuletzt in unserer Praxis 🙂 konnten wir bis jetzt jedem Auszubildenden gratulieren!!!!

Fazit:

Es sind zugegebenermaßen recht anstrengende Wochen für einen Prüfer: neben der regulären Arbeit noch zusätzlich organisatorischer Aufwand, abends konzentriert Berichte lesen, lange Telefonate zur Absprache, Kopf (und Herz!) zerbrechen wegen der Bewertungen, in der Prüfung mitfiebern, die Aufregung des Prüflings spüren……. aber es ist immer wieder so schön mit richtig gutem Gewissen und Freude gute Therapeuten, die vielen Menschen helfen werden ins Arbeitsleben zu entlassen…..und manchmal sind die Prüfungen so gut, dass sie ein Gänsehauterlebnis sind – im allerbesten Sinne.

P.S.: politisch, gerade genderpolitisch unkorrekte Formulierungen bitte ich zu entschuldigen; für mich zählt der Inhalt mehr als die Form.

Ariane Häfner

Ergotherapeutin und Prüferin

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